Kategorie: Produktmanagement

Die UX-Illusion: Warum nutzerzentriertes Produktmanagement oft an der operativen Realität scheitert

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Infografik: UX-Illusion im Produktmanagement

Matthias schreibt hier auf dem Simpligi Blog oft und völlig zurecht, dass die Rolle des Produktmanagers im Wandel ist. Weg vom reinen Backlog-Verwalter, hin zum Architekten von Nutzererlebnissen. Als Personalberater, der jeden Tag mit Fach- und Führungskräften im Produktmanagement spricht, unterschreibe ich diese Forderung sofort. Die Symbiose aus starkem Produktmanagement und exzellenter User Experience (UX) ist der Schlüssel zu erfolgreichen Produkten.

Doch wenn ich in die echte Seelenwelt der Produktorganisationen im DACH-Raum blicke, sehe ich eine massive Diskrepanz zwischen diesem strategischen Ideal und der gelebten Realität.

Wir haben in unserer aktuellen CAVISIO Onlineumfrage im Winter 2025/26 genau 244 Fach- und Führungskräfte im Produktmanagement, primär aus dem B2B-Umfeld, genau dazu befragt. Die Ergebnisse sind ein Weckruf für jedes Top-Management, das von euch Produktmanagern mehr Kundenzentriertheit fordert, euch als “Voice-of-the-Customer” sehen möchte. Aber die Rahmenbedingungen dafür nicht schafft.

Der blinde Fleck: Wie sollt ihr UX machen ohne Nutzer?

Um herausragende Nutzererlebnisse zu gestalten, müsst ihr echte Kundenprobleme verstehen und in Lösungen übersetzen. Empathie entsteht nicht am Schreibtisch, sondern durch echte 1:1 Kundengespräche und Co-Creation vor Ort.

Die Realität sieht jedoch anders aus: Knapp 72 Prozent der befragten Produktmanager gaben an, dass sie keinen oder nur einen sehr geringen Anteil von unter 10 Prozent ihrer Arbeitszeit beim Kunden verbringen.

Lasst diese Zahl kurz wirken. Fast drei Viertel von euch sind von direkten Kundenkontakten quasi abgeschnitten. Wie baut ihr nutzerzentrierte Produkte, wenn ihr das Firmengebäude oder das Home-Office kaum verlasst? UX-Skills und Methodenwissen sind völlig nutzlos, wenn Unternehmen bei den Reisekosten auf der Bremse stehen oder euch schlichtweg die Zeit fehlt, zum Kunden zu fahren.

Gefangen in der operativen Edelmülltonne

Doch warum fehlt diese Zeit? Auch hier liefern die Daten eine klare Antwort. Auf die Frage, was euch am meisten daran hindert, strategisch zu arbeiten und euch um Markt und Nutzer zu kümmern, nannten die Teilnehmer vor allem strukturelle Probleme: Die unklare Abgrenzung von Aufgaben und Verantwortung sowie fehlende Ressourcen wie Zeit und Budget.

Anstatt am Markt zu forschen, ersticken viele von euch im operativen Tagesgeschäft. Ihr bearbeitet Supportanfragen, pflegt ERP-Systeme oder fungiert als Vertriebsinnendienst. In den Freitextantworten unserer Studie tauchte immer wieder ein schmerzhafter Begriff auf: Das Produktmanagement verkommt zur operativen Edelmülltonne oder zum Mädchen für alles der Organisation. Alles, was in anderen Abteilungen wie Vertrieb oder Marketing durchs Raster fällt, landet auf eurem Schreibtisch.

Hinzu kommt oft eine strategische Orientierungslosigkeit der Geschäftsführung. Ein Teilnehmer fasste den Frust treffend zusammen: Mein Unternehmen tut alles für einen Deal. Wenn jede langfristige UX-Strategie für einen kurzfristigen Vertriebserfolg über Bord geworfen wird, verpufft euer bestes methodisches Wissen.

Die Lösung: Empowerment und echte Freiräume

Das Paradoxe an der Situation: Ihr wollt UX machen! Unsere Auswertung zeigt, dass ihr es liebt, als Unternehmer im Unternehmen echten Impact zu haben und Kundenbedürfnisse in Innovationen zu übersetzen. Die Jobzufriedenheit ist mit 40 Prozent der Befragten, die sehr zufrieden sind, sogar erstaunlich hoch.

Damit Produktmanagement und UX in der Praxis wirklich zusammenwachsen, müssen wir aufhören, das Problem bei den fehlenden Skills der Mitarbeiter zu suchen. Das Management muss drei zentrale Stellhebel bewegen:

  1. Radikale Rollenklärung: Das Produktmanagement muss aus der operativen Mülltonne befreit werden. Klare Schnittstellen zum Vertrieb und Marketing sind unerlässlich.
  2. Echtes Empowerment: Ihr braucht das Mandat, also den Platz im Driver Seat, auch mal Nein zu kurzfristigen Sales-Features zu sagen, wenn diese die UX der Gesamtarchitektur zerstören.
  3. Raus aus dem Gebäude: Unternehmen müssen zwingend Strukturen, Zeit und Budgets schaffen, damit ihr aus euren Silos heraustreten und wertvolle Zeit direkt am Endnutzer verbringen könnt.

Nur wenn wir diese strukturellen Hürden abbauen, könnt ihr als Product Manager zu den UX-Architekten werden, die unsere Produkte so dringend brauchen.

Wer tiefer in die Daten und O-Töne eintauchen möchte: Der vollständige CAVISIO Auswertungsbericht 2025/26 steht auf unserer Website kostenfrei zum Download bereit.

Ein Gastbeitrag von Jürgen Bühler von CAVISIO – Personalberatung für Produktmanagement

Bildrechte: Jürgen Bühler und NotebookLM

Foto von Jürgen Bühler

Themen in diesem Artikel: Produktmanager, Onlineumfrage, Produktmanagement, UX

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